Antonin Dvorak – Stabat Mater

Sonntag, 21. März 2010, 18 Uhr, Auferstehungskirche

Antonin Dvorak - Stabat Mater

Tina Scherer, Sopran
Sophia Bart, Alt
Corby Welch, Tenor
Peter-Anton Ling, Bass
Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach
Kantorei Oberkassel
Leitung: Thorsten Göbel

Karten: 17 Euro Vorverkauf

„Stabat mater“ op. 58 von Antonín Dvořák (1841-1904)
Ein großes Werk für Soli, Chor und Orchester

von Dr. Andreas Bomba (gekürzt)

Dvořák und die Geistliche Musik

Obwohl die Kirchenmusik ihn stark geprägt hatte und er ein religiöser Mensch war, darf Dvořák dennoch nicht als Kirchenmusiker verstanden werden. Es wird sicherlich auch an entsprechenden Aufträgen und Verpflichtungen gefehlt haben. Daraus aber ergibt sich, daß Dvořák, wenn er sich dann doch der geistlichen Musik zuwandte, einem besonderen, inneren Verlangen nachkam. Genau dies ist beim „Stabat mater“ der Fall.

Am 19. September 1875 starb Dvořáks Tochter Josefa. Sie hatte ihre Geburt nur zwei Tage überlebt. Auch wenn man im Zeitalter hoher Kindersterblichkeit mit solchen Schicksalsschlägen rechnen musste und der Tod gegenwärtiger war als heute, ging Dvořák dieses Ereignis sehr nahe. Es sollte dies auch nicht der letzte Kindstod in der Familie bleiben – von den insgesamt neun Kindern des Ehepaares starben auch die elf Monate alte Tochter Ružena (August 1877) und wenige Tage später – an seines Vaters 36. Geburtstag – der gerade dreijährige Otakar. Fünf Monate nach Josefas Tod hatte Dvořák zu dem Stabat mater-Text gegriffen und bis Mai 1876 die Musik skizziert. Nach gut einjähriger Unterbrechung vollendete er am 13. November 1877 die Partitur.
Man ist geneigt, an Gustav Mahler zu denken, der ebenfalls kompositorischen Trost über den Tod seiner Kinder suchte – und an Johann Sebastian Bach, der zu Beginn der 1730er Jahre möglicherweise aus dem gleichen Anlass eine Sinn- und Schaffenskrise durchlitt.
Uraufgeführt wurde das Stabat mater am 23. Dezember 1880 in Prag, beim Jahreskonzert des Verbandes der Musikkünstler. Dieser Aufführung – am Vortag des Heiligen Abend – folgten weitere in Brünn, Budapest und London. Die Aufführung 1884 in der Royal Albert Hall hörten 12.000 Besucher; die Organisatoren hatten einen 850-köpfigen Chor zusammengestellt, dazu ein auf 24 ersten Geigen und 16 Kontrabässen basierendes Riesenorchester. »So bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß nun für mich hier in England eine neue und, so Gott will, glücklichere Zeit anbricht, die, wie ich hoffe, der tschechischen Kunst überhaupt Früchte zeitigen wird«, schrieb Dvořák nach Hause. Der Komponist gewann also aus der Bewältigung persönlicher Trauer neue Hoffnung für sein eigenes Leben. Zugleich erkannte er eine Perspektive für die Musik seiner Heimat, die sich im Verbund des Habsburger Reiches mit seinem Zentrum Wien allenfalls als folkloristische Randerscheinung eingeschätzt fühlte.

Weshalb Dvořák im Moment intensiver Trauer ausgerechnet zu einem Passionsgedicht griff und nicht etwa zum Requiem, wissen wir nicht.
Der mit den Worten »Stabat mater dolorosa« beginnende Text jedoch betrachtet das Geschehen am Kreuz, also Leiden und Sterben Jesu. Ein Mensch versetzt sich in die Lage der Gottesmutter, die, wie es in der ersten Strophe heißt, am Kreuz steht
und den bereits gestorbenen Sohn beweint. Der selbe Mensch bittet die Gottesmutter, zwischen ihm und dem Gottessohn im Hinblick auf das eigene Heil zu vermitteln.
Der Text des Stabat mater entstand um 1300 in Italien oder Frankreich. Ob ein oft als Autor angegebene Franziskanermönch namens Jacopone da Todi wirklich zur Feder gegriffen hat, ist ungewiss. Tatsächlich aber gewann der Text schon bald nach seinem Aufkommen eminente Popularität. Er wurde in Passionsgottesdiensten gebetet oder in einfacher melodischer Form gesungen. Der ersten uns bekannten, mehrstimmigen Vertonung (von Orlando di Lasso, um 1480) folgten zahllose weitere.

Der lateinische Text des Stabat mater besteht aus einundzwanzig Strophen. Dvořák vertonte nur zwanzig; die vorletzte Strophe mit dem Text „Christe cum sit hinc exire / da per matrem me venire / ad palmam victoriae“ entfällt.

Die in ihrer Schlichtheit anrührende, demütige Melodik der meisten Sätze, ihre formale Stringenz, die aus Harmonik und orchestralen Klangfarben entstehende Atmosphäre, sowie die Aura volkstümlicher Frömmigkeit, bleiben bemerkenswert.
Jeden einzelnen Satz entwickelt Dvořák aus einem rasch wieder erkennbaren, charakteristischen Motiv.

Im Satz 3 „Eja mater, fons amoris“ z. B. herrscht die Stimmung eines Trauermarsches. Wieder anders hingegen ist Satz 6 gestaltet: „Fac me vere tecum flere“ lässt an einen vorsingenden Kantor denken – eine Melodie, aus der heute ein Schlager gemacht würde „Fac ut portem Christi mortem“ (Satz 8) tritt als melodisch schwelgendes, wenn auch melancholisch umflortes Duett auf, während „Inflammatus et accensus“ (Satz 9) im barocken Generalbass-Stil den Text energisch ausdeutet.

Bis zum letzten Augenblick wartet Dvořák auf die Wirkung einer Steigerung von Dynamik und Tempo. Harmonik und kontrapunktische Stimmführung überschlagen sich und gipfeln in einer achtstimmigen, a cappella zu singenden Vision des ewigen Lebens in Frieden und Freude „Paradisi Gloria“. Violinen und Bläser geraten in höchste Höhen – tiefe Akkorde führen a ber zurück ins irdische Jammertal. In mildem D-Dur scheint der Komponist seine Versöhnung mit der Welt gefunden zu haben.